Interview A. Notre Père

Frau Notre Père, was fällt Ihnen zur aktuellen städtebaulichen Entwicklung in Halle ein? Notre Père: „Jede Menge! Worüber wollen wir zuerst sprechen? Gewünschter Stadtpark auf kreiseigenem Berufskolleg-Areal, historische Häuser an der Lange Straße, Grundstücksvergabe am Gartnischkamp, Verkehrskonzept im Ganzen oder nicht durchsetzungsfähige Planungen für die Alleestraße, Bebauung der rechten Herzhälfte, Machbarkeitsstudie für eine Landesgartenschau oder, noch ganz frisch: Verkauf des Masch-Areals an einen Investor zur Wohnbebauung?“

Stichwort Wohnbebauung auf den jetzigen Sportplätzen an der Masch.

Notre Père: „Mir ist nicht klar geworden, wo die Vorteile für unsere Stadt, inklusive Stadtbild und die zukünftigen Bewohner, egal ob Mieter oder Eigentümer, liegen. Offensichtlich haben die Protagonisten neben Schnelligkeit der Entwicklung und Entlastung der Verwaltung auch keine weiteren substanziellen Argumente. Was wollen sie den Mietern erzählen, wenn in 10 Jahren das Gros der Häuser einem DAX-Konzern gehört, der durch seine unternehmenseigenen Tochterfirmen alle Arbeiten an den Häusern von auswärts durchführen lässt, hierdurch u.U. Nebenkosten in die Höhe treibt und heimische Handwerker nicht beteiligt? Sie sehen, ich antizipiere leidenschaftlich. Ich erspare ihnen hier meine Gedanken zu den vielen denkbaren Unwägbarkeiten bis zur gewünschten Fertigstellung. Bedenken Sie, dass wir hier nicht über ein Neubaugebiet draußen auf der grünen Wiese sprechen, sondern über ein Innenstadtareal mit Grundstückspreisen von mindestens 150 Euro/qm. Ich halte es bei diesem interessanten Baugebiet für angemessen, über einen Architektenwettbewerb nachzudenken. So würde man mit präzisen städtebaulichen Vorgaben sicherlich mit Blick auf Städtebau, Aufenthaltsqualität, Funktion, Ökonomie und Sozialverträglichkeit die beste Lösung finden. Heimische Bauunternehmen hätten große Chancen auf eine Teilhabe. Heimische Investoren mit persönlichem Bezug zur Stadt könnten direkt investieren. Auch die Beteiligung der heimischen Kreditwirtschaft ist gut für uns alle. Ich bin mir sicher, dass sich bei dem Volumen von mindestens 150 Wohneinheiten renommierte Planungsbüros dem Wettbewerb stellen werden und etwas wirklich Gutes für Halle entstehen könnte.

Ist überhaupt schon laut darüber nachgedacht worden, auf den zu mobilisierenden Baugrundstücken an der Masch anteilig öffentlich geförderten Wohnungsbau zu realisieren? Vielleicht sollte man sich in Halle erst einmal grundsätzliche Gedanken zu Rahmenvorgaben für die Baulandentwicklung machen – ich werde das Gefühl nicht los, dass hier der zweite Schritt vor dem ersten gemacht wird.

Abschließend möchte ich noch meine grundsätzliche Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass es überhaupt zu diesem Beschlussvorschlag „europaweite Ausschreibung, Vergabe an einen Investor“ durch die Verwaltung gekommen ist und die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses fast einstimmig zugestimmt haben: Eine Drehung um 180 Grad, hatte der HFA doch gerade erst vor 3 Monaten ein Festhalten am Haller Vergabemodell (seit April 2019) für städtische Baugrundstücke bestätigt.“

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